Als wilder Tourist in Sibirien

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Mellnau

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Neben dem Computer lag einiges an leerem Papier.

Und so ergriff ich einen Stift und malte einen Pfeil und ein Fragezeichen auf ein weißes Blatt, und schrieb dazu: KUNGUR?

Ich schrieb natürlich mit kyrillischen Buchstaben.

Obwohl ich die nicht auf der Tastatur hier habe, kann ich sie in diesem Fall einigermaßen nachahmen.

KYH1YP

So ähnlich sieht das aus. Nur die 1 zeigt nach rechts, etwa so wie ein Galgen beim Galgen-Männchen. Das ist das kyrillische G.

Es freut mich immer, wenn ich mal etwas auf Kyrillsch schreiben kann, es ist eine Abwechslung.

Meine Briefe nach Russland schreibe ich außen auf Kyrillisch, innen dann auf Deutsch oder Englisch.

Und in Rußland hat es mir oft geholfen, daß ich die Schrift lesen kann. Denn viele Wörter, die international gleich oder ähnlich sind, tauchen bei Inschriften auf, und so konnte ich mir manches zusammenreimen.

Und es war immer ein ein freudiger Aha-Effekt für mich, wenn ich mal wieder was entziffert hatte.
 
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Mellnau

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Der junge Mann verstand.

Er begann, mir den Weg nach Kungur auf das Blatt zu skizzieren.

Nervös und unsicher wie er war, rief er aber fast bei jeder Wegbiegung jemand an und fragte telefonisch um Rat!

So dauerte es einige Zeit, bis die Skizze fertig war.

Ich glaube, ich habe mehr Zeit in jener Bank zugebracht, wo ich nur kurz mal nach dem Weg fragen wollte, als ich für den Weg dann auch gebraucht habe!

Aber freundlich war man zu mir - das habe ich immer wieder erlebt. Keine Selbstverständlichkeit gegenüber einem Deutschen, sollte man meinen.

Ich wurde dann auch nett verabschiedet, sowohl von dem jungen Mann, von dem Wächter, und von den jungen Frauen im Kunden-Raum.


Und so machte ich mich weiter auf den Weg nach Kungur, das auch bald am Horizont auftauchte.
 
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Mellnau

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Dieses Kungur ist berühmt für seine vielen wunderschönen Kirchen.

Ich konnte die goldenen Kuppeln auch schon von weitem sehen.

Doch hat es eine traurige Bewandtnis mit diesen Kirchen: Sie wurden nach der Revolution in Gefängnisse umgewandelt. Das hatte mir Nina schon erzählt, so daß ich nicht verwundert war.

Doch ist der Anblick dann doch eine Art Schock:

Wunderschöne Kirchen, reichverziert und mit goldenen Kuppeln.

Doch drumherum Stacheldraht, eiserne Tore, Wachtürme und Wachsoldaten mit Gewehren. Ein böser Kontrast!

Ich habe diese Kirchen dann auch fotografiert.

BTW: Als ich auf dem Rückweg später dann wieder an diesen Kirchen vorbeikam, war gerade einer ganzer Trupp von russischen Soldaten am Eingang.

Gerne hätte ich auch dieses Bild festgehalten, habe es aber dann doch gelassen.

Am Abend habe ich dann von Ninas Computer aus diese Nachricht nach Deutschland geschickt.

"Ich habe das Bild dann doch lieber nicht gemacht. Sonst säße ich jetzt vielleicht nicht hier am Computer, sondern in
 
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Mellnau

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Thema: "Mittagessen in Kungur".

In ehemals sozialistischen Ländern ist es oft nicht leicht, ein Restaurant zu finde, wie ich mehrmals erfahren habe.

Offensichtlich haben die Herren Funktionäre Restaurants gern als "bürgerlich dekadent" abgeschafft.

Nun ja, für die Funktionäre selbst war ja bestens gesorgt. Was braucht der normale Arbeiter denn auch ein Restaurant? Der soll was schaffen! So wohl der Gedankengang im Paradies der Arbeiter und Bauern. *ggg*

Doch das nur nebenbei ....

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Jedenfalls: Ähnlich wie in der schlesischen Stadt Mittwoch war weit und breit nichts auch nur entfernt Restaurant-Ähnliches zu finden.

Im örtlichen Kulturpalast gab es interessante Filmplakate zu "Garry Potter", wie der junge Zauberer auf russisch heißt, da es dort kein "H" gibt. Alternativ könnte er nur noch "Chchcharry Potter" heißen ...

BTW: Ich selbst wurde ja bei meinem Flug auch auf russisch an Bord der "Luftgansa" begrüßt, und nicht etwa der "Lufthansa", was ich irgendwie erheiternd fand. *ggg*

Sonst hätte es im Kulturpalast eventuell nur etwas zu trinken gegeben, aber auch diese Bar war heute zu ....

Also suchte ich weiter ...
 
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Mellnau

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Und wie in Schlesien hatte ich auch in Kungur wieder Glück.

Ich fand etwas abseits von der Hauptstraße das möglicherweise einzige Restaraunt von Kungur.

Ich weiß seinen Namen nicht mehr genau, entweder hieß es "Paradies" oder "Traum".

Für mich war es beides!

Ein großer Saal, der auf altmodische Art gemütlich war.

Eine echt nette Bedienung, die nicht etwas verschreckt oder muffig war, weil da unerwartet ein Ausländer hereingeschneit kam, der eher wenig Russisch konnte.

Sie kümmerte sich rührend freundlich um mich, und ich fand mich mit Hilfe meines Wörtebuchs auch gut auf der Speisekarte zurecht.

Ich weiß nicht mehr im einzelnen, was ich gegessen habe, aber daß alles sehr gut und etwas anders als gewohnt geschmeckt hat, das weiß ich noch.



Und dazu trank ich russisches Bier (Baltika) und georgischen Rotwein, das weiß ich noch ganz genau!




Im übrigen war ich lange Zeit der einzige Gast im Saale, bis schließlich eine Gruppe von Frauen erschien mit einem riesigen Rosenstrauß.

Offenbar eine Feier aus einem besonderen Anlaß.

Einfach nur eben so ging da wohl niemand in dieses Restaurant ....
 
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Mellnau

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Nach dem Mittagessen machte ich noch einen Bummel durch das Städtchen Kungur.

Zu meiner Überraschung kam ich dabei zu einer Kirche, die KEIN Gefängnis war.

Draußen neben dem Eingang hing eine Tafel, deren kyrillischer Schrift ich die Information entnehmen konnte, daß dies eine aktive russisch-orthodoxe Kirche war.

Ich ging hinein - und erlebte die zweite Überraschung:

Statt prächtigem Gold, wie ich es von Perm her kannte, sah ich nur eine Baustelle im Halbdunkel.

Als meine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, sah ich eine Schar von etwa 18-jährigen Mädchen, die mit Schaufeln bei der Arbeit waren, die Kirche zu renovieren.

Immer sind es die Frauen, die Russland zusammenhalten, dachte ich ....

"Do you speak English?" fragte ich in die Gruppe hinein.

Als Antwort kam erst mal ein allgemeines Gekicher.

Dann rannte eines der Mädchen auf und davon, fast wie auf der Flucht ....vielleicht aber auch, um jemand herbeizuholen, der vielleicht Englisch sprach ....so hoffte ich.

Und wirklich: Nach einer Weile kam das Mädchen mit einem Mann zurück, der Autorität ausstrahlte.

Der Kirchen-Vorsteher vielleicht?

Ich sprach auch ihn an: "Do you speak English?" Doch er reagierte nicht.

Schon wollte ich enttäuscht gehen, da gab es die dritte Überraschung ....
 
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Durga Lal

Guest
Nach dem Mittagessen machte ich noch einen Bummel durch das Städtchen Kungur.

Zu meiner Überraschung kam ich dabei zu einer Kirche, die KEIN Gefängnis war.

Draußen neben dem Eingang hing eine Tafel, deren kyrillischer Schrift ich die Information entnehmen konnte, daß dies eine aktive russisch-orthodoxe Kirche war.

Ich ging hinein - und erlebte die zweite Überraschung:

Statt prächtigem Gold, wie ich es von Perm her kannte, sah ich nur eine Baustelle im Halbdunkel.

Als meine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, sah ich eine Schar von etwa 18-jährigen Mädchen, die mit Schaufeln bei der Arbeit waren, die Kirche zu renovieren.

Immer sind es die Frauen, die Russland zusammenhalten, dachte ich ....

"Do you speak English?" fragte ich in die Gruppe hinein.

Als Antwort kam erst mal ein allgemeines Gekicher.

Dann rannte eines der Mädchen auf und davon, fast wie auf der Flucht ....vielleicht aber auch, um jemand herbeizuholen, der vielleicht Englisch sprach ....so hoffte ich.

Und wirklich: Nach einer Weile kam das Mädchen mit einem Mann zurück, der Autorität ausstrahlte.

Der Kirchen-Vorsteher vielleicht?

Ich sprach auch ihn an: "Do you speak English?" Doch er reagierte nicht.

Schon wollte ich enttäuscht gehen, da gab es die dritte Überraschung ....
Du spannst uns auf die Folter, weisst Du das?! ?
 
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Mellnau

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Ich würde das nicht "Folter" nennen.

Es ist die Methode "Cliffhanger" - oder der "Scheherazade-Effekt". :)
 
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Mellnau

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Der vermutliche Kirchenvorsteher sprach auf einmal MICH an! Und zwar AUF DEUTSCH!

Und dann begann eine ungewöhnliche Unterhaltung.


Das Gespräch war schon deshalb ungewöhnlich:

Der Kirchenvorsteher konnte nämlich nicht viel mehr Deutsch als ich Russisch.

Und dennoch verstanden wir uns gut und führten ein längeres Gespräch.

Er war als Soldat in der ehemaligen DDR stationiert gewesen ....

.... in Weimar! ..... ich war ihm vielleicht damals 1977 mit Vanessa begegnet ... wer weiß?

.......und hatte dort etwas Deutsch aufgeschnappt. Die Zeit dort hatte er noch in guter Erinnerung.

Und dann führte er mich in einen Nebenraum, und da war die eigentliche Kirche!

So prächtig und goldstrahlend, wie orthodoxe Kirchen nur sein können! Man muss das einmal gesehen haben!

Es war eine provisorische Unterbringung, bis der Hauptraum durch die Schaufel-Mädchen und wohl auch andere Helfer wieder instand gesetzt sein würde.

Der Kirchenvorsteher erklärte mir einiges über die Kirchengegenstände, und führte mich dann in einen anderen Nebenraum zu dem Pfarrer dieser Kirche, dem Popen.

Dieser sprach nun zwar kein Deutsch, aber recht gut Englisch, und erzählte mir von der Geschichte der Kirche, die nach der Revolution enteignet worden war.

Die Kirche war dann auch zu einigen Zwecken gebraucht worden, hauptsächlich wohl als Scheune.

Und nun gehörte sie zu den Gebäuden, die die Regierung nach der Wende der orthodoxen Kirche zurückgegeben hatte.

Als ich mich nach einer Weile dann verabschiedet hatte, bat mich der Kirchenvorsteher, noch einen Moment zu warten, er wolle noch etwas holen.

Und dann folgte eine Szene, die mich immer noch rührt, wenn ich daran denke ...
 
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Mellnau

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Ich habe jenen Bericht schon vor vielen Jahren geschrieben.
Ich kopiere ihn nun Stück für Stück hierher.
 
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Mellnau

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Es war so:

Der Kirchenvorsteher kam noch einmal zurück, um mir Geschenke zu bringen!

Eine Tafel Schokolade und zwei kleine Brote!

Das war richtig rührend. Denn ich weiß, daß viele der normalen Bürger Russlands sich eben gerade so durchschlagen, immer nahe an der Armutsgrenze entlang.

Von Deutschland nimmt man dagegen dort an, daß wir hier im Luxus leben.

So war es besonders zu schätzen, daß ich als Deutscher Geschenke bekam!

Die Brote habe seine Frau selber gebacken, sagte er.

Später in Deutschland habe ich erfahren, daß diese besondere Form der Brote in Russland auch als Hostie verwendet wird.
 
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Mellnau

Guest
Ein Gegengeschenk konnte ich ihm im Moment nicht machen, denn ich hatte ja nichts dabei.

Und Geld wäre ja eine Beleidigung gewesen.

Doch ich fand einen Weg.

Ich hatte in meinem Koffer in Perm noch einige Dinge, die ich als mögliche Geschenke mit nach Rußland genommen hatte.

Und Ninas Verwandte kamen ab und zu nach Kungur.

So konnte ich ihnen eine schöne Flasche Schwarzwälder Kirschwasser für Anatol (so sein Name) mitgeben.

Und er hat sich dann auch echt gefreut über diesen "deutschen Wodka".
 
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Mellnau

Guest
Nun möchte ich noch erzählen, wie der Kungur-Besuch zu Ende ging.

Viel Zeit blieb nicht mehr bis zur Rückkehr zum Bahnhof.

Ich spazierte noch ein bißchen am Stadtrand herum.

Während in der Innenstadt eher moderne, aber gesichtslose Häuser standen, gab es da eher die traditionellen russischen Holzhäuser, wie man sie jetzt eher wieder baut.

Sie galten einmal als überholt und altmodisch, sind aber meiner Meinung nach viel schöner als die modernen Häuser.



Dafür war am Stadtrand nun nichts mehr asphaltiert, und ich mußte immer einen großen Bogen um Schlamm-und Wasser-Löcher machen.

Aber das ist normal in Rußland!
 
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Mellnau

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Jetzt will ich noch erzählen, wie ich wieder nach Hause kam.

Genau wie im schlesischen Mittwoch hatte ich mich mal wieder etwas mit der Zeit verschätzt.

Es war mir klar, daß ich den Zug, den ich mir ausgesucht hatte, nicht mehr erreichen würde.

Diesmal war das aber nicht so schlimm, ich hatte ja keine Verabredung.

Ich kam etwa eine halbe Stunde zu spät an den Bahnhof und wollte nach dem nächsten Zug schauen.

Doch "mein Zug" stand noch da! So hatte ich mal einen Vorteil davon, daß in Rußland Pünktlichkeit nicht so wichtig ist.

Ich stieg ein, und der Zug fuhr ab!

Gerade, als ob er auf mich gewartet hätte!
 
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Mellnau

Guest
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
Meine Geschichte ist doch noch gar nicht zu Ende! :)

Gleich geht's weiter! :)
 
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Mellnau

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Neues Thema: Moslems und Christen in Perm.


Nach und nach möchte ich nun von drei Besuchen erzählen:

1. In der Moscheee zu Perm

2. Bei einem russisch-orthodoxen Gottesdienst

3. Bei einem katholischen Gottesdienst
 
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Mellnau

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1. In der Moschee zu Perm


Da ich ja badische Moscheen schon gut kenne, wollte ich auch gerne mal eine russische Moschee besuchen.

Nina und ihr Freund fuhren mich im Auto in die Nähe. Sie parkten aber in respektvollem Abstand, und waren nicht dazu bewegen, mitzukommen.

Russen denken bei Moslems wohl oft an ..... "Tschetschenien .... Terroristen .... Anschläge .... usw ...."


Umgekehrt wusste ich auch nicht so genau, wie die Moslems in der Moschee reagieren würden, wenn ich als nicht-moslemischer "Russe" da so einfach hereinspaziert käme.

Doch sie hielten meinen Besuch für ganz selbstverständlich.

Niemand der Gläubigen im Vorraum wunderte sich im geringsten, als ich hereinkam, wie schon gewohnt die Schuhe auszog, und dann in den Gebetsraum ging.

Sicher hielten sie mich für einen der Ihren.

Ein Waldbaum kann auch mal so eine Art Chamäleon sein.

Der Gebetsraum war wie immer sehr schön ausgemalt und für mich faszinierend.
Eine Weile blieb ich dort.

Dann verließ ich die Moschee wieder, so selbstverständlich wie ich gekommen war.

Ohne dass das jemanden irgendwie aufgefallen wäre.

Nur meine russischen Freunde waren froh, dass ich heil wieder zurückgekommen war.
 
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