Als wilder Tourist in Sibirien

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Mellnau

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2. Bei einem russisch-orthodoxen Gottesdienst

Zweimal habe ich einen russisch-orthodoxen Gottesdienst miterlebt.

Das erste Mal in einem Kloster, das erst vor kurzer Zeit der Kirche zurückgegeben worden war. Noch eine halbe Bauruine, war es doch schon wieder von Mönchen bewohnt und ein beliebter Wallfahrtsort geworden.

In Erinnerung habe ich noch diesen Kontrast: Oben bereits eine gold-strahlende Kuppel, darunter aber noch eine graue Baustelle mit vielen Gerüsten.

Der Kirchenraum war noch eher dunkel und schmucklos, fast scheunenartig.

Und auch hier der Kontrast: die einfachen Mönche in schwarzen Kutten, mit wilden Bärten. Jeder wie ein Rasputin.

Und dann der Pope im goldenen Ornat. Etwas erhöht stand er vor der Gemeinde, vornehm und wie geistesabwesend. Er hielt den Gläubigen ein Kreuz zum Küssen hin. in einer langen Schlange standen sie dazu an.

Danach bekam jeder ein kleines Brot, sozusagen die Hostie.

Diese Hostie konnte man mit nach Hause nehmen.

Wie ich hörte, war der Segen dieser Hostie ein Jahr lang gültig. Dann sollte man zum Kloster zurückkehren, und den Segen erneuern lassen.

So war für einen Dauer-Pilgerstrom gesorgt.

Daneben gab es noch eine heilige Quelle, an der ein Mönch in schwarzer Kutte den Pilgern das heilige Wasser zuteilte.

Viele hatten bunte Plastik-Eimer mitgebracht, um einen möglichst goßen Vorrat an Heiligkeit mit nach Hause nehmen zu können.

Selber kaufte ich dort eine kleine Ikone als schönes Andenken.
 
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Mellnau

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3. Bei einem katholischen Gottesdienst

In Perm gibt es auch eine evangelische und eine katholische Kirche.

Beide sind einmal von Deutschen erbaut worden.

Nach der Revolution wurden sie ebenso wie viele orthodoxe Kirchen zweckentfremdet, und nach der Wende dann den Kirchengemeinden wieder zurückgegeben.

Beide Kirchen habe ich besucht, und dann in der katholischen Kirche schließlich an einem deutschen Gottesdienst teilgenommen.

Davon würde ich gerne später noch erzählen.

So viel schon jetzt: Der Gottesdienst war nicht nur deutsch, sondern auch gleichzeitig sehr international.
 
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Mellnau

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Ich beginne mal mit der Zeit vor den Gottesdiensten, von dem ich erzählen möchte.

Als ich von Nina hörte, es gebe da eine katholische Kirche in Perm, wollte ich sie natürlich auch sehen.

Das Gebäude war vorher auch Museum gewesen, und erst vor einiger Zeit der Kirche zurückgegeben worden.

Doch sah man nichts mehr von der früheren Nutzung, innen sieht die Kirche aus wie eine katholische Kirche bei uns auch!

Ich versuchte dort jemanden zu finden, der deutsch oder englisch sprach.

Von einer tschechischen Ordens-Schwester wurde ich an eine slowakische Ordens-Schwester weitergereicht, und dann schließlich an eine russische Hochschul-Lehrerin.

Sie sprach (und spricht noch!) ein ausgezeichnetes Deutsch!

Von ihr erfuhr ich dann, am Donnerstag abend sei jede Woche eine Messe in deutscher Sprache, am Sonntagmorgen dann ein Messe in russischer Sprache.

Beide Messen habe ich dann besucht, und werde davon erzählen!
 
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Mellnau

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Nun will ich mal von dieser katholischen Messe in Perm erzählen.

Natürlich wird man sich da als Katholik besser hineindenken können, aber auch für Nicht-Katholiken könnte es interessant sein.

Es war rührend: Die Seele des deutschen Gottesdienstes war eine Russin! Sie konnte besser deutsch als die wenigen Rußlanddeutschen, die es noch in Perm gibt.

Es war eben jene Hochschul-Lehrerin, bei der ich mich schon zuvor nach den Zeiten für die Gottesdienste erkundigt hatte.

Ich saß neben ihr, und sie sang mit Begeisterung die deutschen Kirchenlieder!

Ihr Weg hatte sie von der russisch-orthodoxen Kirche über den staatlichen Atheismus dann zur katholischen Kirche geführt.

Der Gottesdienst war aber nicht nur deutsch.

Es war eine für mich faszinierende Mischung.

Die Fürbitten wurden in den Sprachen der Anwesenden gesprochen:

Russisch, Deutsch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch.

Und dann auch noch auf Englisch. Das kam nun aber nicht etwa von Engländern oder Amerikanern.

Es kam von indischen Schwestern vom Orden der Mutter Teresa.

Das fand ich besonders exotisch:

Katholische Inderinnen in Sibirien!
 
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Mellnau

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Und dann wurde noch ein Lied in einer ganz anderen Sprache gesungen:

In Latein!

Da wurde mir wieder einmal bewusst, was für eine positive Rolle Latein spielen kann.

Es wurde früher ja viel geschimpft, dass man Latein ja nicht versteht.

Da mag was dran sein.

Andererseits:

Die wenigen stets wiederkehrenden Sätze kann man mit der Zeit automatisch auswendig.

Und englische Lieder werden auch oft gesungen, ohne daß der Inhalt so genau verstanden wird.

Hier in Perm aber spielte das Latein eine besondere Rolle:

Es war die Sprache keiner der einzelnen Gruppen dort, und damit die Sprache aller!

Ein einigendes Band. Sozusagen das Esperanto der katholischen Kirche, wie ich fand!
 
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Mellnau

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Ja, sich in echt auf Latein zu unterhalten, das wird schwer halten!

Aber ein paar wenige lateinische Sätze im Gottesdienst, die weltweit gleich sind, die können einem in England, Luxemburg, Dänemark und Rußland irgendwie ein heimatliches Gefühl geben.

In all diesen Ländern habe ich das "Kirchenlatein" schon gehört.

Wenn verschiedene Sprachgruppen zusammen sind, dann hat ein Lied in Latein auch noch den Vorteil einer gewissen Fairness.

Denn Latein ist ja die Muttersprache von keinem der Anwesenden.

Vor Latein sind gewissermaßen alle gleich, niemand ist bevorzugt.
 
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Mellnau

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Galina war der Name jener Russin, die im Gottesdienst in so gutem Deutsch deutsche Kirchenlieder sag.
Und nach dem Gottesdienst lud ich sie noch zu einem Mittagessen in ein Café ein.

Auf dem Weg dahin kamen wir auch an der evangelischen Kirche vorbei, die noch zur Zeit des Zaren von Deutschen dort erbaut worden ist.
Gerne hätte ich auch einmal einen evangelischen Gottesdienst in Perm erlebt, doch dafür reichte die Zeit nicht.
Neben der evangelischen Kirche dort steht das Haus der Russlanddeutschen.
Das Haus der "Wiedergeburt", wie die Organisation der Russlanddeutschen in Russland heißt.

Galina kannte dieses Haus gut. Denn, man höre und staune ein wenig: In diesem Haus gab sie Deutsch-Unterricht für junge Russlanddeutsche, die ihr Sprache nicht mehr so recht konnten.
Galina und ich betraten das Haus der Wiedergeburt:
Und ich wurde dort so gegrüßt:
"Ein Deutschländer! Euch schickt uns der Himmel!"
 
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Mellnau

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Soweit der Bericht, wie ich ihn vor Jahren geschrieben habe.
Es gibt auch eine Fortsetzung in einer anderen Geschichte.
Die ich ein andermal schreiben könnte.
 
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