Ich erinnere mich

Apfelkern

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Ich erinnere mich


Ich erinnere mich an die weissen Tauben im Turm. Sie flogen zum Fenster rein.
Da war auch eine Hand, doch zu wem sie gehörte ist mir nicht bekannt.

Ich erinnere mich an einen Mann, der manchmal eine Geschichte erzählte, um eine andere Geschichte zu erzählen. Und auch an meine heilsamen Tränen, die manchmal dabei geflossen sind.

Ich erinnere mich an die vielen Kämpfe in mir, die heftigen Konflikte zwischen den verschiedenen Realitäten. Zwischen dem, was sein darf und dem, was gar nicht geht, aber trotzdem ist. An die Hoffnung, damit irgendwann meinen Frieden zu finden.

Ich erinnere mich an Reisen in fremde Länder und meinen besten Freund. Sie lehrten mich, dass es in Sachen Wahrheit mehr als den Konsens der Masse gibt. Mehr als das Wissen von Autoritäten und mehr, als ich mir vorstellen und erträumen kann.

Ich erinnere mich an den Indianer. An die Überwindung, seinem Rat zu folgen und jemandem - nach gerademal nur sechs Monaten heimlicher Beobachtung - eine Nachricht zu schreiben.

Ich erinnere mich an die vielen bunten Stoffschnipsel, aus denen ich ein Patchwork machte. Es waren schöne Stoffe und auch hässliche dabei. Ich erinnere mich an das unbeschreibliche Gefühl, wenn die kleinen Schnipsel Stich für Stich zu einer Einheit werden.

Ich erinnere mich...
 

Apfelkern

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Ich erinnere mich an den Igel, der mir auf dem Waldsträsschen entgegen kam. Und wie lange er vor mir stehen geblieben ist und mir in die Augen blickte.

Ich erinnere mich an die Gefühle dabei. Und an die Gedanken.

Ich erinnere mich daran, ein Kleeblatt gemalt zu haben. Und dabei in Gedanken mit jemandem darüber gesprochen zu haben, dass mein Leben eher ein dreiblättriges Kleeblatt sei als das grosse Glück.

Ich erinnere mich an das Mistelblatt beim nächsten Waldspaziergang. Und dass es das schönste Geschenk meines Lebens war.

Ich erinnere mich an Gefühle, die grösser sind als alles, was ich zuvor kannte oder mir hätte vorstellen können

Ich erinnere mich an das Gefühl, einem Geist zu folgen. Und daran, ihn überall zu vermuten. Wie ein irrwitziger Wahn. Mit einem Kleeblatt hinterm Ohr. Ein Trickster, jenseits der Norm.

Ich erinnere mich an Anziehung und Abstossung. Und dass meine Neugier grösser war als die Angst.

Ich erinnere mich an die Feuerbohnen, die im Tiefkühlschrank zu wachsen anfingen.
Und an das sonderbare Gefühl, dass auch dies kein Zufall war.

Ich erinnere mich...
 

Apfelkern

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Ich erinnere mich an die Dachse. Und an das Kribbeln am rechten Hinterkopf, wenn sie mich beobachten.

Ich erinnere mich an zwei Hunde im Herbst, die um eine Puppe zankten. Und wie sie danach völlig zerfleddert auf dem Boden lag. Sie gehörte einem Kind.

Ich erinnere mich an die Tage vor dem Unfall, der nie statt gefunden hat. Und an die einsamen Monate danach.

Ich erinnere mich an das Wiesenschaumkraut. Und an den kleinen Fuchs. Und an mein Versprechen.

Ich erinnere mich an den Falken, der ins Fenster flog, als ich meditierte. An die Spuren am Fenster und an seinen Schmerz, als er sich zusammen gekauert im Apfelbaum versteckte und auf ein Wunder wartete.

Ich erinnere mich an den Unterschied, ob ein Schwert in eine Kehle gestossen wird oder in eine Scheide.


Ich erinnere mich an die freudvollen Zeiten ganz allein in den Bergen. An dieses Gefühl vollkommener Stille bei tagelangen Wanderungen.

Ich erinnere mich an die Möglichkeiten des Äthers. Und an die Trolle.

Ich erinnere mich auch an eine Frau, die mich über Jahre verfolgte. Daran, dass sie in meine Welten eindringen und sich frei bedienen konnte. Und ich erinnere mich auch daran, wie sie mir mitteilte, wessen Mann sie nehmen werde, sobald sie mit ihrem Verlobten fertig sei.


Ich erinnere mich an vieles, was ich nicht ernst nehmen konnte, und vielleicht doch hätte ernst nehmen sollen. Und daran, dass manchmal weder reden noch schweigen die Wahrheit ans Licht zu bringen vermag.


Ich erinnere mich an den Abschied. Für immer.
 

Apfelkern

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Ich erinnere mich an ein Marzipanschweinchen und an jede Menge Schokohasen.

Ich erinnere mich an Gräser, die so viel grösser waren als ich. An Wiesen voller Blumen, die erst im Juli geschnitten wurden. Und wie gut man in den aufgeschichteten Heuhaufen träumen konnte.

Ich erinnere mich daran, wie wir im Sommer aus grossen Steinen Dämme in den Fluss gebaut haben, um in den gestauten Becken zu plantschen. Und wie wir nach jedem Unwetter wieder einen neuen Damm aufbauten.

Ich erinnere mich an die Biber, die beim grossen Hochwasser aus dem zoologischen Garten abgehauen sind. Es gefiel ihnen gut in freier Wildbahn und so gab es immer mehr von ihnen.

Ich erinnere mich, dass ich einmal einem Biber beim fressen zugesehen habe. Er schwamm zwei Meter vor mir auf dem Rücken, hielt sich mit den Hinterbeinen fest an einem Ast und knabberte genüsslich ein Blatt nach dem anderen. Er pflückte die Blätter so sorgsam mit den Vorderpfoten vom Ast, wie wenn die biegsame Weide für ihn eine ganz besondere Spezialität wäre. Er interessierte sich nicht für meine Anwesenheit und liess sich nicht stören. Es wehte ein laues Lüftlein und in der Ferne hörte ich die Kormorane zanken. Ich liess mich nicht stören, und genoss die Farbenspiele der Dämmerung. Mit dem Biber und der Weide.
 
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